Zeitarbeit

Wenn ich mir so anschaue, welche Artikel meine Besucher am meisten interessieren, so stelle ich fest das die Suche nach minderjährigen Schlampen immer noch die höchsten Zugriffszahlen liefert. Weiterhin kann ich leider nicht mit einschlägigen Bildern oder Texten dienen, finde es aber irre lustig, dass Leute bei Google und anderen Suchmaschinen diesen Begriff eingeben und schließlich bei mir landen. Das nur nebenbei.
Großes Interesse scheint mein Bericht über Ulf, dem Gastarzt, zu erwecken. Anlass genug, meine neuesten Erkenntnisse über zeitarbeitende Ärzte in Schweden niederzuschreiben. Ulf ist mittlerweile nach Stockholm zurückgekehrt und in der Zwischenzeit hatte ich es mit diversen so genannten Hyrläkare zu tun. Um das Ganze nochmals erklären, hier in Schweden ist es durchaus üblich, Ärzte, insbesondere Fachärzte, auf Zeit einzustellen. Gedacht war das ganze System, um Engpässe wie zum Beispiel durch Krankheit oder in der Urlaubszeit möglichst elegant zu überbrücken. Mittlerweile ist es jedoch so, dass sich viele Kliniken ohne regelmäßigen Einsatz von Zeitarbeitsärzten überhaupt nicht personell über Wasser halten könnten. Das gilt auch insbesondere für die Klinik in der ich arbeite.
Da die Zeitarbeiter durchschnittlich zwei bis dreimal mehr verdienen als ein angestellter Arzt dachte ich anfangs, meine Kollegen wollten sich auf Kosten des Systems eine goldene Nase verdienen. Nachdem ich allerdings einige Kollegen etwas näher kennen gelernt habe und mit ihnen durchaus auch einige offene Gespräche geführt habe, stelle ich fest, das Geldgier in den seltensten seltensten Fällen Motiv ist, sich als Zeitarbeiter zu verdingen. Den was bei den wahnwitzigen Bruttogehältern noch wie eine reine Goldgrube aussieht, relativiert sich, wenn man sich das System und insbesondere das schwedische Steuersystem ansieht. Denn selbstverständlich müssen die Zeitarbeiter diverse Sozialleistungen abführen, welche sie von ihrem Einkommen selbst bezahlen. Zahlungen in die Rentenkasse beispielsweise und auch diverse Versicherungen. Hinzu kommt, dass sie bei Urlauben selbst verständlich nicht bezahlt werden im Gegensatz zu einem Angestellten, der natürlich sein Gehalt weiter erhält, auch wenn er sich im Urlaub befindet. Außerdem besteht natürlich ein gewisses Krankheitsrisiko, denn bei Nichterscheinen am Arbeitsplatz gibt es für die Zeitarbeiter einfach kein Geld. Das kann in Krankheitsfalle finanziell übel werden. Und als Sahnehäubchen sei vermerkt, dass dank des schwedischen Steuersystems natürlich unglaublich viel Steuer anfällt, wenn man einen unglaublich hohen Bruttolohn hat. Der Unterschied zwischen einem Gutverdiener und einem Spitzenverdiener mag in brutto in Schweden ähnlich hoch sein wie zum Beispiel in Deutschland, das Nettoeiinkommen unterscheidet sich jedoch deutlich weniger.
Es bleibt also die Frage, warum sich gut ausgebildete Ärzte das ganze antun. Zumal man meist ständig irgendwo anders eingesetzt wird, weite Reisewege hat, oft im Hotel wohnt und die Familie häufig nur am Wochenende sieht. Dazu ständig neue Kollegen, Vorgesetzte, Patienten, die einen nicht erkennen und zu denen man keine Beziehung hat.
Für mich eher überraschend haben sich zwei Motive herauskristallisiert, weswegen viele schwedische Ärzte die Festanstellung scheuen und stattdessen als Söldner im Land herumreisen.
Zum einen sind leider viele psychiatrische Kliniken hier im Lande so katastrophal schlecht geführt, dass es schlicht und ergreifend keinen Spaß macht und äußerst anstrengend ist, in ihnen zu arbeiten. Deshalb ist es viel einfacher, sich auf Zeitbasis anstellen zu lassen, alles zu ertragen, was in der aktuellen Klinik schief läuft, und sich auf das Ende des Kurzzeitkontraktes zu freuen.
Zum anderen ist es für einen Arzt in Zeitarbeit der einfachste Weg, Verantwortung zu vermeiden. Als Angestellter Arzt in der Psychiatrie habe ich oft über viele Jahre eine Beziehung zu meinen Patienten. Aus dieser Beziehung entsteht Verantwortung. Ich bin also persönlich berührt, wenn es einem meiner Patienten schlecht geht. Und ich fühle mich verantwortlich, wenn irgendetwas schief läuft. Als Zeitarbeiter dagegen leistet man nur punktuellen Einsatz. Man macht eine Intervention, setzt beispielsweise ein Medikament ein, muss sich aber nicht um die Konsequenzen kümmern. Muss sich also nicht damit auseinandersetzen, was passiert, wenn nach 2-3 Wochen das Medikament immer noch nicht anschlägt. Oder der Patient Fragen hat. Oder der Patient ganz allgemein unzufrieden mit seiner Medizin ist. Oder oder oder. Ärztliche Tätigkeit also beinahe ohne jede persönliche Verantwortung. Der nächste in der langen Reihe der Zeitarbeiter wird’s schon richten. Nur dass dieser ganz genauso denkt wie sein Vorgänger.
Der Leidtragende ist natürlich der Patient. Mit psychischen Beschwerden jedes Mal einen anderen Arzt zu treffen, jedes Mal von vorne zu beginnen, nie zu wissen wie die Behandlungsstrategie diesmal aussehen wird ist ein eigentlich unmöglicher Zustand.
Die Region, in welcher ich arbeite, hat nun ein Arbeitsprogramm verabschiedet, wie man innerhalb der nächsten zwei Jahre erreichen kann, dass sie auf die Dienste von zeitarbeitenden Ärzten verzichten können. Mal sehen, was das mal wieder wird.

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