Frau Freitag oder ist Migrationshintergrund doch nicht heilbar ?

Sehr unregelmässig lese ich verschiedene Blogs. Eines davon ist der von Frau Freitag, welche als Lehrerin sehr intensiven Kontakt mit jungen Mitmenschen mit Migrationshintergrund hat. Ich lese ihren Blog auch nicht wegen des Migranten-Themas sondern weil Frau Freitag ziemlich gut schreiben und beschreiben kann. Vor allem weil sie sehr authentisch berichtet und obwohl ihre Geschichten natuerlich stets subjektiv gefärbt und kommentiert sind, handelt es sich um eine der wirklich seltenen Beschreibungen der Realität im Umgang mit jungen Migranten in Deutschland. Objektiv in seiner Subjektivität also.
Und das liegt einfach daran, dass Frau Freitag zu den wenigen Menschen gehört, die sich zu dem Thema äussern und die wirklich was davon verstehen. Weil der Umgang, das Zusammensein mit Migranten zu ihrem täglich Brot gehört. So simpel ist das. Was wir Deutschen mit unserer gelegentlich etwas bigotten buergerlichen Sicht nämlich aus den Augen verlieren ist, dass der allergrösste Teil unserer selbsternannten Experten, die ganz genau wissen, wo die Probleme unserer schönen Nation mit Migranten liegen, nicht die geringste Ahnung von der Realität haben. Aber wirklich nicht die geringste. Wie soll denn auch der durchschnittliche deutsche Spitzenpolitiker als Abkömmling gehobener Mittelschicht auch nur ein annähernd wirklichkeistreues Bild davon haben, wie das Leben inmitten von Menschen mit Migrationshintergrund aussieht. Angefangen bei unserem verehrten Bundespräsidenten ueber diverse Ministerinnen bis zu von der Bundesbank freigestellten Buchautoren meldet sich wirklich jeder zu Wort der mal einen Bericht bei RTL 2 ueber das “Migrantenproblem” gesehen hat. Und sich natuerlich fuer einen Experten dazu hält, denn sobald man in unserem Land eine Meinung hat, ist man als Spitzenpolitiker selbstredend Experte zum Thema. Was natuerlich zu Absurditäten fuehrt wie zum Beispiel dass eine zugegebenermassen junge Bundesministerin aus ihrem reichhaltigem Erfahrungsschatz aus dem wahren Leben konstantiert, dass die Deutschenfeindlichkeit unter Migranten zunimmt und dies mit Untersuchungen untermauert, die nicht mal 60 Sekunden einer kritischen Ueberpruefung standhalten. Aber immerhin spricht sie ja aus, was irgendwie alle fuehlen, besonders wie gesagt diejenigen, die in ihrem Leben keinen einzigen echten Migranten richtig kennengelernt haben: Das das alles irgendwie unheimlich ist und das irgendwer an allem Schuld sein muss.
Frau Freitag jedenfalls tut etwas ganz unkonventionelles: Sie hat wirklich Kontakt mit denen, ueber die alle reden. Und sie beschreibt sehr warmherzig Alltagssituationen aus der Sicht einer engagierten, wenn auch durch die Realität etwas angegriffenen Lehrerin.
Die hier gennanten Tatsachen allein reichen schon aus, Frau Freitags Blog dem geneigten Leser zu empfehlen. Viel interessanter wird die Lektuere allerdings, wenn man die Geschichte liest, in der die Lehrerin ihren Schuelern erklärt, dass Mark Zuckerberg, Schöpfer von Facebook, einem juedischen Elternhaus entstammt. Und dann beschreibt, wie einige Schueler aus dem arabischen Kulturkreis reagieren, dass der Mann so was tolles wie Facebook machen kann.
Frau Freitag beschreibt also auf humorige Weise die Realität in unserem Land, dass nämlich auch Migranten durchaus nicht ausschliesslich deutschenfeindlich sind ( was die allermeisten ueberhaupt nicht sind). Sondern dass Migranten sehr migrantenfeindlich/ausländerfeindlich sein können. Wenn man zum Beispiel die Einstellung mancher Palästinenser zu juedischen Mitmenschen betrachtet. All dies ist wie gesagt Realität und alltäglich, nichts was Frau Freitag als zu anstössig empfand als dass sie es nicht dokumentiert hätte.
Die Reaktionen auf diese Geschichte sind allerdings eher starker Tobak wie aus diversen anderen Beiträgen der Blogautorin hervorgeht. Wie konnte sie nur ? ist ein Aufschrei zu vernehmen. Und ist es nicht schon antisemitisch, auf die Herkunft eines Menschen hinzuweisen ? Und hätte sie den arabischen Schueler nicht sofort in eine wir-sind-hier-Demokraten-und alle-Menschen-sind-gleich-wert-Diskussion hineinziehen muessen ? Und ueberhaupt, was hat so was im Unterricht zu suchen ? Verstehen diese Einwandererkinder ueberhaupt die Botschaft ? Verstehen die ueberhaupt irgendwas ?
Frau Freitag versucht, Antworten zu geben, auch wenn sie sich der Tatsache bewusst ist, dass diese Diskussion absurd ist. Wird sie doch zu weiten Teilen von Menschen gefuehrt, die mal an der S-Bahn einen Migranten von hinten gesehen haben oder das Buch von Herrn S. gelesen haben und natuerlich deswegen erfahrene alte Hasen in unserer Einwanderungsdebatte sind.
Da haben eine kleine Lehrerin wie Frau Freitag, die täglich an der Front kämpft oder ein Psychiater, der als Kind nach Deutschland migriert ist und das alles miterlebt hat, wenig zu sagen.
Ich jedenfalls finde diesen Blog noch sympathischer als vorher. Zu lesen hier.

  1. #1 by Fraufreitag - Oktober 25th, 2010 at 20:12

    Lieber Arp,
    na, wenn das nicht Balsam auf meine geschundene Seele ist. Vielen, vielen Dank für die netten und durchdachten Worte. ich fühle mich äußerst verstanden, gewertschätzt und gestärkt.
    You made my day!!!

    Herzlichst
    frau freitag

  2. #2 by Frl.Krise - Oktober 26th, 2010 at 15:50

    Hallo Arp, besser hätte man es nicht ausdrücken können

  3. #3 by Frl.Krise - Oktober 26th, 2010 at 15:50

    !!!

  4. #4 by Arp - Oktober 26th, 2010 at 20:07

    Tack.

  5. #5 by Suchtschwester - November 24th, 2010 at 12:43

    wusste nicht, zu welchem Beitrag ich es posten sollte:

    http://www.youtube.com/watch?v=rqQaslh4hKw

  6. #6 by Robinson Crusoe - Dezember 23rd, 2010 at 15:40

    …sehr authentisch berichtet…Frau Freitag eine echte Lehrerin :D

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