Blutsbrueder

Auf dieser Website entdeckte ich die kurze aber feine Filmserie ”Blutsbrueder”. In bisher 12 sehr unterhaltsamen Folgen wird eine Geschichte aus dem Drogen- und Dealermillieu erzählt.
Die einzelnen Folgen sind etwa 5 Minuten lang, die 12. und vorerst letzte Folge 7 Minuten, die ganze Serie kann also in einer gemuetlichen Mittagspause gesehen werden.
Dargestellt wird die Geschichte der beiden Kleindealer Turbo und Schlumpf, welche in eher muehseliger Kleinarbeit an der vordersten und schmutzigsten Front des Drogenhandels die Kunden beliefern. Dazu fahren sie in einem alten Volvo die Strassen der Grosstadt ab und warten auf Anrufe, sprich Bestellungen. Geschäfte werden im Wagen abgewickelt und weiter geht die Fahrt. Turbo, der erfahrene ältere Frontdealer will endlich eine Stufe aufsteigen und hat Schlumpf ausgewählt, die Lieferungen an Mann und Frau zu bringen. Schlumpf ist jung, naiv, durchaus feige und hat eine grosse Klappe. Sein Traum ist das grosse Geld ohne viel Muehe, aber dieser Zahn wird schon frueh von Turbo gezogen: Drogenhandel ist harte Arbeit, gefährlich und dreckig.
Auf ihren Fahrten lernen sie den ganz normalen Wahnsinn kennen: Gutsituierte junge Eltern, die ihr Baby allein lassen um sich das Koks zu besorgen, ein reiches Arschloch, der als drogenmissbrauchender Sohn des Oberstaatsanwaltes keinerlei polizeiliche Ueberpruefung zu fuerchten hat, die Zwischenhändlerin namens Oma, welche die beiden mit Stoff versorgt und ein sympatisch-neurotisches New-Age-Mädel ist statt wie erwartet ein finsterer Mafioso mit schlechten Manieren.
Faszinierend ist die subtile Umkehr buergerlicher Werte in dieser Serie. Die beiden Drogendealer sind sympatisch, haben moralische Vorstellungen und arbeiten fleissig und hart, um aufzusteigen. Die Kunden, zumeist „normale Buerger“ sind eigensuechtige Ekelpakete, nur sich selbst am nächsten, nur auf der Suche nach dem nächsten Kick. Die Drogenlady ist kein baseballschläger-schwingender cholerischer Psychopath sondern trinkt Chai-Tee und verbindet Turbo die Augen, bevor sie die Drogen aus ihrer Schublade (!) holt, dass dieser auch ja nicht sieht, wo sie den Stoff aufbewahrt (!). Das ist lustig ohne der Brueller zu sein. Einfach gut also.
Die Polizei, verkörpert von der Kommissarin Charlotte, ist wie erwartet nicht die Elite des Guten. Charlotte will Karriere machen, liebt ihre Waffe und Handschellen und wuenscht sich nichts sehnlicher als eine „ schöne Verhaftung, wie frueher.“
„Blutsbrueder“ ist echt, authentisch, lustig, gewalttätig. Eine Darstellung der Drogenszene wie sie in Deutschland kaum vorkommt, ist unser Bild doch eher amerikanisch hollywood-dominiert, wo die Dealer halt alle spanischen Akzent haben und ständig Freund und Feind umbringen, um Exempel zu statuieren oder Spass zu haben. Die plötzliche und exzessive Eruption von Gewalt sehen wir hier in der Serie, als ein kleiner Junkie kein Geld hat, um Turbo zu bezahlen und diesem statt dessen ein iPhone anbietet. Der sonst so sympathische Turbo schlägt ohne Vorwarnung zu und lässt erst von seinem Opfer ab, als ein Polizeiwagen vorbeifährt. Unschön und schockierend. Wie das wahre Leben auf der Strasse halt.
Ich jedenfalls freue mich auf die angekuendigte zweite Staffel.

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