Schweden ist das Land der PM. Fuer mich jedenfalls. Und alle anderen deutschen Kollegen, die ich kenne. Kommen wir doch aus einem Land, in welchem Medizin nach natuerlich wissenschaftlichen Richtlinien aber besonders aufgrund persönlicher Erfahrung betrieben wird.
Hier bei uns wird Medizin nach PM betrieben. Zur Erläuterung: PM ist die Abkuerzung fuer ”pro memoria” und bezeichnet kurz gefasste aber bindende Richtlinien. In einem Krankenhaus ist ein PM das ultimativ verbindliche Mittel fuer klare Handlungsanweisungen. Wer gegen ein PM verstösst, kann sich warm anziehen, wenn etwas schiefgeht, andererseits gibt das PM eine gewisse Sicherheit, wenn man nämlich alles gemäss PM gemacht hat, kann einem keiner was. Selbst wenn der Patient stirbt. Alles gemäss PM gemacht heisst alles richtig gemacht, Pech wenn der Patient sich nicht danach richten konnte.
Diese PM-Richtlinien haben Vor- und Nachteile. Die Vorteile sind schnell zusammengefasst: Ein Krankenhaus/eine Abteilung mit verbindlichen Richtlinien stellt sicher, dass alle Patienten die gleiche Behandlung bekommen, unabhängig wer gerade arbeitet ( in der Theorie jedenfalls). Ein PM gibt Hilfe und Hinweise, wenn man als Arzt/Krankenschwester mal nicht weiter weiss. Ein PM schuetzt uns, die wir mit Patienten arbeiten, denn auch wenn was schiefgeht, sind wir abgesichert, wenn wir dem PM gefolgt sind.
Soviel zu den Vorteilen.
Die Nachteile benötigen doch etwas mehr Platz:
Zumindest bei uns in der Klinik haben die PMs dazu gefuehrt, dass man selbst als Facharzt, selbst als Oberarzt, gut und gerne sein Grosshirn abschalten kann. Warum auch nachdenken, es gibt ja eine Handlungsanweisung, die man befolgen kann, Punkt fuer Punkt fuer Punkt. Was? Der Patient findet das nicht ? Der Herr Patient ist ja wohl auch kein Arzt oder was ?
Das zweite Problem ist, dass PMs wie gesagt verbindlich sind. Aber leider auch veralten können wenn sie nicht gepflegt werden. Und pflegen kann sie nur jemand, der sehr genau ueber Medizin bescheid weiss. Was wenn es keinen gibt ? Dann kommt es zum Beispiel zu der interessanten Situation, die ich gerade erlebe. Ich habe gerade die PMs unserer Suchtabteilung ueberarbeitet. Die letzte Ueberarbeitung davor war leider allerdings im Jahr 2002. Das heisst, die gesamte Klinik (zumindest im Bereich Suchtmedizin) arbeitet nach Richtlinien aus 2002. SIEBEN JAHRE ALT. Nun entwickelt sich die Medizin gelegentlich. Und ich darf sagen, dass das, was ich gerade ueberarbeitet habe, nicht nur nicht mehr aktuell und veraltet war, sondern teilweise sogar gefährlich. Aber dennoch bindende Richtlinie. Und da es ja ein PM ist, gibt es praktisch keinen, der jemals kritisch ueberlegt hat, ob der Unsinn, der da drin steht auch medizinisch in Ordnung geht.
Mein Freund Hans, der als Allgemeinarzt langsam an gewissen Eigenarten des medizinischen Versorgungssystems verzweifelt, erzählte mir neulich folgende Geschichte:
In Einem Gefängnis in Suedschweden versuchte sich kuerzlich ein Häftling umzubringen. Er hängte sich auf. Er wurde gefunden vom Gefängnispersonal. Diese gingen an den PM-Ordner und lasen die Handlungsanweisungen, die dort standen. Dort stand Polizei, Notarzt und Leitung verständigen und den Rettungskräften assistieren. Das taten die Mitarbeiter dann auch. Als der Notarzt eintraf hing der Häftling weiterhin in seiner Zelle aber das Gefängnispersonal hatte bereits Polizei und Leitung verständigt und hielt sich bereit zum Assistieren. Niemand hatte den Häftling abgehängt. Stand nicht im PM. Wie ich bereits versuchte zu sagen, gesunder Menschenverstand ist nicht unbedingt notwendig, wenn man fuer alles ein PM hat. Ich habe mal zum Spass gesagt, ich schreibe gerade an einem PM, wie man sich auf dem Klo richtig den Hintern abwischt. Fand keiner lustig. Die Meisten lieben ihre PM.
Das Ende der obigen Geschichte ? Die Gefängnisaufseher sind natuerlich angeklagt worden, unterlassene Hilfeleistung. Und natuerlich sind sie freigesprochen worden. Sie haben ja nur das PM befolgt.
Ob die Geschichte wahr ist ? Keine Ahnung. Aber sie könnte es sein. So sicher wie sicher.
Ueber den Segen der PM
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