Anna Odell und die schwedische Kunst

Eine Gerichtsverhandlung, die hier in Schweden viel Aufsehen erregt, in Deutschland aber weitgehend unberichtet bleibt, soll hier doch dem geneigten Leser vorgestellt werden.
Anna Odell steht vor Gericht, weil sie, Studentin der schwedischen Kunsthochschule “Konstfack”, in ihrer Abschlussarbeit verrueckt spielte. Im wahrsten Sinne des Wortes. Sie stellte sich nämlich im Jaunuar des Jahres nachts auf eine stockholmer Bruecke, unter sich die eiskalten Wogen des Mälarensees, warf Teile ihrer Kleidung von sich und stand leichtbekleidet herum und spielte verwirrt. Vorbeikommende Spaziergänger hielten sie folgerichtig fuer eine potenzielle Selbstmörderin und riefen die Polizei. Diese fackelte nicht lange, packte die offenbar Verwirrte ins Auto und fuhr zur psychiatrischen Notaufnahme. Dabei wehrte sich Frau Odell nach uebereinstimmenden Angaben heftig, so dass bis zu 6 Polizisten nötig waren, um sie zu halten. Sie verletzte dabei jedoch niemanden. Ein vernuenftiges Gespräch kam nicht zustande, gemäss Polizeiaussage weigerte sich Odell zu sprechen, die Kuenstlerin selbst behauptet, keiner hätte es jemals versucht.
In der Notaufnahme dann wurde sie ohne viel Federlesens in einem Bett festgebunden ( auf deutsch mechanische Beschränkung oder Fixierung). Auch hier, so die Kuenstlerin, habe niemand versucht, vorher oder während mit ihr zu kommunizieren. Sie erhielt eine Zwangsmedizin, eine Spritze mit Beruhigungsmittel gegen ihren Willen. Wohl mehrfach in dieser Nacht. Weiterhin niemand, der sich besonders um sie kuemmerte, ausser den ueblichen Kontrollen eben, ob Patient schläft oder wach ist oder Unsinn macht.
Am nächsten Tag teilte sie dem zuständigen Oberarzt mit, dass das alles nur gespielt war, ein Kunstprojekt, welches nunmehr den Namen “Okänd, kvinna 2009-349701 (Unbekannt, Frau, 2009-349701)” trägt. Teilweise zeichnete sie nämlich Szenen ihrer Verhaftung und Behandlung auf Ton- und Bildträger auf. Das Kunstwerk selbst uebrigens, ihrer Abschlussarbeit wie gesagt, fand in der Öffentlichkeit wenig Zustimmung. Undeutlich, unscharf, langweilig. Da sind Doku-Soaps bei SAT 1 sicher besser choreografiert.
Der Oberarzt lies die falsche Patientin nach ihrer Erklärung wieder gehen, war sauer und zeigte sie an. Die Polizei ebenfalls. Wegen allem Möglichem, wenn ich mal aus dem Schwedischen uebersetzen darf wegen falschen Alarms, Widerstands gegen die Staatsgewalt und arglistiger Täuschung.
Und nun also das Verfahren. Dessen Ausgang wahrscheinlich nur Anna Odell und ihren Anwalt interessiert, denn viel wichtiger ist die Diskussion hier in sämtlichen schwedischen Medien ob a.) es Kunst ist, sowas zu tun und darf man das und b.) wie schlimm ist es wirklich in der schwedischen Psychiatrie wenn solches mit eigentlich Nicht-Kranken passieren kann.
 
Interessierte schwedischkönner sollten gerne mal nach “Anna Odell” googeln, selbst einige spärliche deutsche Zeitungen berichten.
 
Ach so, und, obwohl dies kein Blog ist, will der geneigte Leser natuerlich meine eigene Meinung dazu hören. Also gut:
a.) verstehe ich nicht viel vor Kunst, schon gar nicht von Aktionskunst. Ich weiss aber nicht wie viel Kunst es ist, verrueckt zu spielen. Ihr Werk jedenfalls ist, nach erfolgter Betrachtung, ganz grosser Mist. Die Aktion selbst – verrueckt.
b.) In der schwedischen genau wie der deutschen Psychiatrie ist es heftig. Nachts in der Akutaufnahme. Da passiert sowas. Das ist nicht schön, fuer niemanden der Beteiligten, am allerwenigsten fuer den Patienten. Ist es wert, dass die Presse mal darueber berichtet ? Definitiv ja. Ist es Kunst, so zu spielen und daraufhin schlecht behandelt zu werden ? Definitiv – ich weiss nicht. 

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